Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt
- Marvin Leu
- 1. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Auch wenn es in Hollywood alles so einfach aussieht und dort immer alles zu
klappen scheint, ist Sex kein Selbstläufer. Sexualtherapeut Marvin Leu gibt
Tipps, wie (wieder) Schwung ins Bett kommt.
Unsere Sexualität ist schon eine interessante Sache. Obwohl sie oft als schönste
Nebensache der Welt bezeichnet wird, kann sie doch den ganzen Alltag beeinträchtigen, uns
steuern und uns mit lauter Stimme rufen. Es gibt kaum etwas in unserem Leben, was so viel
Bedeutung hat und doch so wenig Sprache findet. Die komplette Beziehung kann durch Sex
verbessert, verändert oder mit Konflikten belagert werden. Obwohl uns Sex und Erotik
ständig umgibt, finden wir kaum Worte dafür. Und der Weg in eine gelingende Intimität ist
schwierig.
Wenn es um das Intimste geht, macht man sich angreifbar und verletzlich. Aber genau diese
Facetten machen den Sex so umwerfend. Verknüpfen wir das körperliche Erleben mit der
emotionalen Intensität, wird der Sex besser. Aber wie bekomme ich das hin? Wie kann ich
mich fallen lassen und meinem Gegenüber in einer Tiefe begegnen?
Zurückhaltung ist fehl am Platz
Es kursiert leider die Meinung, dass man entweder „gut im Bett“ ist oder eben nicht. Das ist
ein großer Irrtum, denSex braucht Übungn wie das Erlernen eines Instrumentes, ist auch Sex lernbar. Niemand
muss alles können. Sondern wir dürfen es lernen. Diesen Grundsatz finde ich sehr
entspannend!
Ich kann Dinge kennen lernen und ausprobieren. Und wenn ich ein wenig übe, werde ich
erfahrener, kompetenter und handlungsfähig. Das Gelernte fängt an Spaß zu machen. Egal
ob es dabei um Berührungen, Sexstellungen oder Oralverkehr geht.
Im Umkehrschluss muss ich der eigenen Sexualität eine gewisse Bedeutung geben, mir Zeit
nehmen zum üben und offen sein für Neues. Denn wenn über Jahre hinweg immer alles
gleich bleibt, dann funktioniert das zwar meist reibungslos. Es kann jedoch auch eintönig und
langweilig werden.
Ich stelle immer wieder in der Beratung fest, dass viele christliche Paare ihr sexuelles
Potential nicht annähernd ausnutzen aus Angst, Grenzen zu überschreiten. Nach dem Motto,
Lust und Begehren zu spüren gehört sich nicht oder ist sündhaft. Doch ist im gemeinsamen
Ehebett religiös bedingte Zurückhaltung fehl am Platz.
Ich darf mich ausprobieren, mich selbst berühren und dabei Erregung spüren. Ich darf laut
atmen oder sogar stöhnen. Ich darf mich zeigen und alles probieren, was für uns als Paar
stimmig ist – sei es wild, sanft, kraftvoll, bestimmt, einfühlsam, zögernd, schnell oder
langsam.
Verführung wagen
Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich meine Frau für ein sexuelles Projekt
gewinnen möchte und verfalle unbewusst in Vorwürfe. Im Nachhinein fällt mir auf: Ich hätte
sie einfach verführen können.
Wichtig ist: Verführen bedeutet, mein Gegenüber für ein sexuelles Projekt zu gewinnen,
ohne den Ausgang zu kennen. Ich muss also davon ausgehen, dass meine Verführung nicht
immer gelingt und muss mich auch auf Zurückweisung einstellen. Wie reagiere ich, wenn
meine Idee nicht gut ankommt? Bin ich dann beleidigt oder versuche ich es später nochmal?
Vorwürfe zu machen ist einfacher, aber ein absoluter Lustkiller. Verführung dagegen entfacht
Leidenschaft und Erotik.
Meine Frau und ich machen regelmäßig Eheabende. Als ein solcher Abend näher rückte,
versprach ich, etwas Besonderes vorzubereiten. Ich habe eine Menge Essen organisiert.
Obst, Snacks, Antipasti, Brötchen – ein richtiges kleines Buffet. Ich habe alles auf dem Tisch
verteilt. Dann habe ich mich mitten auf den Tisch zwischen die Speisen gelegt, quasi als Teil
des Buffets.
Bei den Vorbereitungen hatte ich, ehrlich gesagt, Angst, wie es meine Frau finden würde. Ich
dachte: „Das ist doch lächerlich!“ Als sie ins Zimmer kam, strahlte sie. Die Idee war also gut,
die Verführung hat geklappt.
Die Angst und die Aufregung haben sich gelohnt. Das Prickeln setzte ein. Aber es hätte auch
schiefgehen können. Das war mir im Vorfeld bewusst. Aber ich bin überzeugt: Wenn man
sich mutig für ein Verführungsprojekt entscheidet, sind die Chancen gut, dass man gewinnt
und am Ende beide gewinnen. Also nur Mut – das Projekt lohnt sich!
Leidenschaft entfachen
Leidenschaft ist kein Selbstläufer. Manchmal kommt sie schwer in Gang, manchmal geht sie
sogar verloren. Aber was hilft dabei, die Leidenschaft zu entfachen? Die Antwort lautet:
Berührung.
Berührungen können Wunder vollbringen. Ich kann meinem Gegenüber was Gutes tun oder
es selber genießen und den anderen Körper erkunden. Dabei kann ich mir vorstellen, meine
Finger und Handflächen würden eine Landschaft erforschen. Jeden Millimeter. Stück für
Stück. Ich kann dabei hauchzart berühren, streichen, kräftig drücken, massieren oder sogar
zupacken. Eine zarte Berührung löst unweigerlich eine Reaktion beim Partner oder der
Partnerin aus. Hoffentlich eine positive. Denn die meisten Menschen möchte berührt und
liebkost werden. Es kann aber sein, dass dabei der negative oder gar vorwurfsvolle Gedanke
kommt, dass das Gegenüber „ja nur Sex will“. Da empfehle ich, zu fragen, warum es so
schwierig ist, dies zuzulassen. Und weiter ist die Frage, ob es besser wäre, wenn das
Gegenüber Sie nicht mehr auf diese Art berühren sollte? Über solche Gedanken sollten
Paare in jedem Fall kommunizieren.
Kommunikation
Es gibt jede Menge Ratgeber, wie ich am besten meine Anliegen kommuniziere. Beim
Reden über Sex ist es sehr wichtig zu wissen, dass jede Kritik mein Gegenüber tief treffen
kann. Gerade Männer verknüpfen ihre Sexualität oft mit ihrer Identität. Da können
unbedachte Äußerungen sehr verletzend sein.
Versuchen Sie ihr Anliegen in einer ruhigen, angenehmen Atmosphäre zu besprechen.
Nehmen Sie sich Zeit für das Gespräch. Bereiten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin auf
das Thema vor, indem sie ankündigen, über das Thema Sex reden zu wollen. Äußern Sie Ihr
Anliegen in Ich-Botschaften. „Ich fühle mich…“, „Ich wünsche mir…“, „Ich habe das Gefühl…“
und so weiter.
Wir alle haben hin und wieder Wünsche was den gemeinsamen Sex angeht. Oft ist es
schwierig, diese anzusprechen, da unser Gegenüber ja mit Ablehnung reagieren könnte. Ich
möchte dazu ermutigen, Anliegen und Wünsche zu äußern. Denn es ist wichtig, dass meine
Partnerin, mein Partner weiß, wie ich mir die Sexualität vorstelle. Auf der anderen Seite darf
ich versuchen, für Vorschläge offen zu sein und nicht zu verurteilen.
Selbstannahme
Wie stehe ich eigentlich zu meinem eigenen Körper? Kann ich ihn so annehmen, wie er ist –
mit allen Macken und Fehlern? Denn kein Körper ist perfekt. Körperliche Selbstannahme
beginnt mit wohlwollenden Selbstberührungen. Das fördert meine erotische Kompetenz.
Jedes Mal, wenn ich mich berühre, lerne ich, was sich gut anfühlt, was ich mag und was
weniger interessant ist. Und wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich dies auch besser
kommunizieren.
Eng verbunden ist die Frage, ob ich mich als erotische Person nicht nur fühlen sondern auch
zeigen darf. Und darf mein Gegenüber meine Erregung sehen? Darf eine Frau stolz sein auf
ihre Brüste, ihre Vulva, ihre Vagina? Und darf ein Mann stolz auf seinen Penis oder seine
Rundungen sein? Unbedingt!
Denn wenn ich meinen Genuss zeigen kann, löst dies auch ein angenehmes Gefühl bei
meinem Gegenüber aus. In der Beratung habe ich noch nie erlebt, dass jemand es störend
fand, wenn seine Partnerin oder sein Partner seine Erregung zeigt.
Damit ich mich jedoch mit Stolz zeigen kann, brauche ich einen wohlwollenden Blick für mich
selbst und einen guten Bezug zu meinem eigenen Körper. Und den erlange ich, wenn ich
mich immer wieder und mit Freude berühre. Zusätzlich schule ich zudem meine
Körperwahrnehmung und schaffe einen positiven Einfluss auf meine Gesundheit.
Gemeinsam einen Weg finden
Damit Sex immer wieder stattfinden kann, muss ich ihn auf meiner Prioritätenliste weiter
hochschieben. Das braucht immer wieder bewusst eingeplante Zeit. Damit Sex regelmäßig
stattfindet, darf man nicht warten, bis eines Tages die Lust auf Sex spontan entsteht. Denn
Es ist keinesfalls so, dass nur spontaner Sex guter Sex ist. Und wer auf den spontanen Sex
wartet, kann unter umständen sehr lange warten.
Nehmen sie sich Zeit für Sex und zelebrieren sie ihn. Reduzieren sie Stress, indem Sie
Internet, Telefon und Smartphone ausschalten. Suchen Sie einen Ort, an dem sie sich
wohlfühlen. Und wenn der Kontext passt, kann auch der Sex schön werden. Auch bei
geplantem Sex.
Jedes Paar ist anders. Jeder Partnerteil bringt eine andere Geschichte in die Beziehung mit.
Egal was gerade im Bett läuft, können Sie sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Mut,
Wohlwollen und ein bisschen Einsatz, um am Thema Sex zu arbeiten.
Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich daran denke, was noch alles vor mir liegt.
Ich darf immer wieder neue Facetten entdecken und die Früchte meiner Sexualität genießen.





Kommentare